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WO SIND SIE? - KEIN MENSCH VERSCHWINDET SPURLOS

Eine Wanderausstellung zum gewaltsamen Verschwindenlassen von Menschen in Mexiko

WO SIND SIE? - KEIN MENSCH VERSCHWINDET SPURLOS

Zumindest in der Erinnerung der Angehörigen und Freunde bleiben sie präsent. Unter dem Motto „Kein Mensch verschwindet spurlos“ will diese Ausstellung dem besonders grausamen Verbrechen des gewaltsamen Verschwindenlassens Öffentlichkeit entgegensetzen.

Dieses Verbrechen wird in Mexiko seit Jahren tausendfach begangen. Amnesty International beklagt seit langem die gleichgültige Haltung des mexikanischen Staates.

Warum werden Menschen Opfer des Verschwindenlassens? Was bedeutet es für die Ehefrauen, Ehemänner, Brüder und Schwestern, Freunde und Nachbarn, wenn plötzlich ein Mensch verschwunden ist? Was können Betroffene unternehmen, um ihre Liebsten zu finden?

Titelfoto: © Ina Riaskoff

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Diese Ausstellung kann kostenlos angefordert werden

Es entstehen lediglich Portogebühren für den Weiter- bzw. Rückversand.

28 Tafeln DIN A1 (60 x 80 cm), sowie ein Riesenposter (Din A 0).

Raumbedarf: Bei normaler Hängung ca. 25 laufende Meter; doppelhängung übereinander möglich.

Bitte wenden sie sich an uns: mail@casa-amnesty.de

www.casa-amnesty.de

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WELTWEITES AUFSEHEN

Die Aula der Pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa, dem Landlehrerseminar Raúl Isidro Burgos im Bundesstaat Guerrero. Die Studenten haben sie in einen Klassenraum verwandelt und warten auf die Rückkehr ihrer am 26. September 2014 verschwundenen Kommilitonen.

(© Amnesty International / Sergio Ortiz Borbolla)

In der Nacht zum 27. September 2014 wurden 43 Lehramtsstudenten der Pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa, Bundesstaat Guerrero, während einer Busfahrt durch die Stadt Iguala von der Polizei gestoppt, beschossen und anschließend angeblich einer organisierten Verbrecherbande übergeben. Sie soll die Studenten getötet und ihre Leichen auf einer Müllhalde verbrannt haben. Die von der Regierung vertretene „historische Wahrheit“ wird von den Angehörigen und internationalen Expert_innengruppen seit langem stark angezweifelt. Nur von einem der Studenten wurden organische Reste eindeutig identifiziert. Von den anderen fehlt bis heute jede Spur.

Das Schicksal der Studenten erregte weltweites Aufsehen. Für das mutmaßliche Verbrechen gibt es eine plausible Erklärung, die aber nie bestätigt wurde: In landesüblicher Manier hatten die Studenten Busse gekapert, um damit zu einer Großdemonstration nach Mexiko-Stadt zu reisen. In einem der Busse soll sich Heroin im Wert von mehreren Millionen US-Dollar befunden haben, das nach Chicago transportiert werden sollte. Der Bürgermeister von Iguala und seine Frau sollen mit dem Organisierten Verbrechen kooperiert haben. Beide befinden sich in Haft. Sowohl die örtliche als auch die Bundespolizei waren involviert.

Die ermittelnde Generalbundesanwaltschaft hat diese Verdachtsmomente zu keinem Zeitpunkt gelten lassen. Die Proteste der Angehörigen gegen die offensichtliche Verschleierungstaktik der staatlichen Stellen halten an.

SCHLEPPENDE ERMITTLUNGEN

“Die Ermittlungen sind nur sehr schleppend vorangekommen, und das trotz des Umfangs der Akten (280 Bände), 160 Inhaftierter und 600 Suchanzeigen. Bis heute gibt es keine Anzeichen über den Verbleib der 43 verschwundenen Studenten. Es gibt keine Strafverfolgung der Polizisten und anderer Beteiligter, die eine Reihe von Studenten und weitere Personen in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 getötet bzw. verletzt haben.

Dagegen hat die Generalbundesanwaltschaft (PGR) eine mangelhafte Untersuchung angestellt, voller Fehler und Unregelmäßigkeiten, die jegliche Glaubwürdigkeit vermissen lässt. Aber was das Schlimmste ist: Die Handlungsweise hat zu einer Verschleierung der Wahrheit für die Mütter und Väter geführt.

Schon im Oktober 2014 war die PGR darum bemüht gewesen, die Ermittlungen abzuschließen und sprach von der 'historischen Wahrheit'. Die Hypothese der PGR lautete, und damit unternahm sie den Versuch, einen Schlusspunkt zu setzen, dass die 43 Studenten von Ayotzinapa von örtlichen Polizisten der Stadt Iguala ihrer Freiheit beraubt und später an Mitglieder der kriminellen Bande Guerreros Unidos übergeben wurden. Diese hätten sie ermordet und auf der benachbarten Müllhalde von Cocula verbrannt.

Was das Schlimmste ist: Das Vorgehen der Behörden hat zu einer Verschleierung der Wahrheit für die Mütter und Väter geführt.

Erst die Ermittlungen der Interdisziplinären Expert_innengruppe GIEI machten ein Jahr später die Haltlosigkeit und den fehlenden Wahrheitsgehalt deutlich. In der Folge wurden die staatlichen Ermittlungen wieder aufgenommen, aber sowohl die PGR als auch die Bundesregierung weigerten sich, die Empfehlungen der Expertengruppe anzunehmen. Stattdessen starteten sie eine Schmutzkampagne gegen die Expert_innen und zwangen sie, das Land im April 2016 zu verlassen, nachdem diese in einem zweiten Bericht 20 Empfehlungen formuliert hatten.

Die Generalbundesanwältin Areli Gómez hatte während ihrer Amtszeit in der PGR guten Willen gezeigt und wichtige Schritte zur Aufklärung unternommen. Aber Ende 2016 wurde sie abberufen. Ihr Nachfolger hat bisher kein Interesse an einer weiteren Aufklärung erkennen lassen.”


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Vidulfo Rosales Sierra

Rechtsanwalt und Leiter der Rechtsabteilung im Menschenrechtszentrum Tlachinollan in Tlapa, Guerrero, zum Stand der Ermittlungen im Fall der 43 verschwundenen Studenten von Ayotzinapa im Januar 2017. Er ist ein erfahrener Strafverteidiger und hat von Beginn an, die Angehörigen vertreten (Auszug aus einem Interview).

(© Amnesty International / Ricardo Ramírez Arriola)

WAS HEISST VERSCHWINDENLASSEN?

Verschwindenlassen bedeutet die

durch

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gefolgt von der

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wodurch sie dem

Diese Definition von Verschwindenlassen hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 20. Dezember 2006 in Artikel 2 des Internationalen Übereinkommens zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen festgeschrieben.

Mexiko ist rechtsverbindlich verpflichtet, seine Bürger vor dem Verbrechen des Verschwindenlassens zu schützen

Im Jahre 2008 hat Mexiko das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen ratifiziert und ist damit rechtsverbindlich verpflichtet, alles zu tun, um diese Verbrechen aufzuklären und seine Bürger und Bürgerinnen zu schützen.

Die Einhaltung dieses Vertrags wird vom UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen überwacht.

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„Gewaltsames Verschwindenlassen ist in weiten Teilen Mexikos eine verbreitete Praxis“

Zu diesem Schluss kommt der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen von Personen in seinen an die mexikanische Regierung gerichteten Empfehlungen im Jahr 2015.

Genaue Zahlen kann die mexikanische Regierung bis heute nicht nennen. Stattdessen präsentierte sie auch gegenüber dem UN-Ausschuss widersprüchliche Daten.

Das fehlende Bemühen des Staates um Aufklärung der tatsächlichen Dimension des Verschwindenlassens in Mexiko war einer der Gründe, warum der Ausschuss zu dem Schluss kam, dass das gewaltsame Verschwindenlassen in weiten Teilen des Landes eine verbreitete Praxis sei.

Die Mexikanische Regierung bemüht sich nicht, das tatsächliche Ausmaß des Verschwindenlassens zu ermitteln.

"Der Forderung des UN-Ausschusses, das nationale Register gewaltsam Verschwundener deutlich zu verbessern und zuverlässige Daten zur Problematik zu gewinnen, ist die mexikanische Regierung nicht nachgekommen".

Zitiert nach: Christiane Schulz, Der UN-Ausschuss empfiehlt Mexiko institutionelle und legislative Maßnahmen zum Schutz vor gewaltsamen, Website des Nürnberger Menschenrechtszentrums, www.menschenrechte.org

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offizielle Zahlen: verschwundene Personen in Mexiko

Offiziell gelten mittlerweile mehr als 32.000 Personen in Mexiko als vermisst. Unklar bleibt, ob all diese Menschen Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen unter Beteiligung staatlicher Akteur_innen wurden, ob sie durch nicht-staatliche Akteur_innen verschwunden gelassen wurden, und wie viele Menschen aus freien Stücken ihren Wohnort verlassen haben.

Die Zahl der Verschwundenen schnellte in die Höhe, nachdem die mexikanische Regierung dem Organisierten Verbrechen Ende 2006 den Krieg erklärt hatte und die Gewalt eskaliert war.

Korruption und eine Straflosigkeit von 98 Prozent bilden den Nährboden dafür.

"Täglich verschwinden in Mexiko rund ein Dutzend Personen – die meisten für immer. Ihre Angehörigen wissen nicht einmal, ob sie noch leben. Es kann jedem passieren. Jungen wie Alten, Reichen oder Armen – in Mexiko ist jeder dem Risiko ausgesetzt, eines Tages zu verschwinden.
Es kann jedem passieren.
Viele der Vermissten […] befinden sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, passen in ein bestimmtes Profil, sind politisch unbequem oder legen sich mit falschen Personen an. Die meisten von ihnen tauchen nie wieder auf, manche werden in Massengräbern gefunden".

(Nicole Anliker, „Zum Hoffen verdammt“, NZZ, 5.8.2016)

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Rosendo Radilla Pacheco

"Rosendo Radilla Pacheco (geb. 1914) war ein ein Viehhändler und sozial engagierter Liedermacher aus Gue­rrero. Am 25. August 1974 wurde er bei einer Straßensperre von Soldaten des Heeres festgenommen und ist seitdem verschwunden. Er fuhr in Begleitung seines Sohnes Rosendo Radilla Martínez, der berichtete, die Militärs hätten ihm gesagt, das Motiv für die Festnahme seines Vaters sei, dass er corridos komponiert und gesungen habe.
Aus zwei Gründen bleibt Rosendo Radilla Pacheco seinen Landsleuten in Erinnerung:
Als Kämpfer für die Rechte der Landarbeiter hatte er während des „Schmutzigen Krieges“, Guerra Sucia, die Willkür des Militärs in populären Kampfliedern, sogenannten corridos, angegriffen.
Und es war der erste Fall, in dem es Angehörigen eines Verschwundenen gelang, dass der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte am 23. November 2009 gegen den mexikanischen Staat ein Urteil fällte: Mexiko wurde verurteilt, Schadensersatz an Radillas Kinder zu leisten, seine Militärgesetzgebung an Menschenrechtsstandards anzupassen und ein Strafverfahren einzuleiten".

Bis zum 6. Januar 2016 reagierten die mexikanischen Behörden auf dieses Urteil nicht. So die Aussage von Carlos Betancourt, eines Neffen von Radilla im Januar 2017.

Das Verschwindenlassen von Menschen hat in Mexiko eine lange Geschichte.

Während des „schmutzigen Krieges“ der 1960er und 70er Jahre gingen Polizei und Militär im Namen der Aufstandsbekämpfung gegen mutmaßliche Sympathisanten und Mitglieder bewaffneter Oppositionsgruppen vor und verschleppten Hunderte von Oppositionellen. Außergerichtliche Hinrichtungen, Folter und gewaltsames Verschwindenlassen waren an der Tagesordnung. Bis heute sind diese Verbrechen größtenteils ungesühnt.


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Francisco Paredes Ruiz

Am 26. September 2007 hatte sich Francisco Paredes Ruiz mit seiner Tochter Janahuy Paredes an einem Treffpunkt für die gemeinsame Heimfahrt verabredet. Sie war damals 23 Jahre alt. „Mein Papa kam nicht“, sagt sie.

Er konnte Ungerechtigkeiten nicht ertragen. Er war auch bereit, mit Waffen dagegen zu kämpfen. Im Zuge des schmutzigen Krieges wurde er 1970 verhaftet, verschleppt, gefoltert und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung 1977 schloss er sich erneut einer subversiven Bewegung an. Er landete wieder im Gefängnis. Der überzeugte Sozialist wählte diesmal nach seiner Entlassung den legalen Weg, um gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Er gründete eine Menschenrechtsorganisation zur Aufarbeitung des Verschwinden-lassens während des schmutzigen Krieges. 2007 verschwand er selbst unter ungeklärten Umständen.

Janahuy klapperte mit ihren Geschwistern Gefängnisse, Krankenhäuser, Freunde und Verwandte ab – umsonst. Später erfuhr sie, dass er auf der Fahrt von Mexiko-Stadt nach Morelia von Unbekannten verfolgt worden war. Da wusste sie, dass etwas passiert war.

Sein schwarzer Pick-up wurde zwei Tage später außerhalb von Morelia gefunden. Nachbarn hatten beobachtet, wie Polizisten das leerstehende Fahrzeug mehrmals durchsuchten. Sonst wollte niemand etwas gesehen haben. Weder die Beamten vom 30 Meter entfernten Polizeiposten noch die Bundespolizisten, die in einem Hotel in der Nähe untergebracht waren. Die Militärs, die rund 50 Meter vom Auto entfernt stationiert waren, ließen sich erst gar nicht befragen.

“Ich will, dass diese Verbrechen nie wieder geschehen, dass sie sagen, wo die Verschwundenen sind, dass der Staat seine Verantwortung anerkennt und dass alle verantwortlichen Personen vor Gericht gestellt werden.”

Janahuy Paredes, Morelia, sucht ihren Vater seit mehr als neun Jahren.

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Vater und Sohn Verástegui

Toño und Toñín, wie Verwandte und Freunde sie nannten, wurden in Parras im Bundesstaat Coahuila geboren, jenem Ort, wo ihre Geschichte in der Nacht zum 24. Januar 2009 abrupt unterbrochen wurde.

"Auf dem Rückweg von einer Feier auf einer benachbarten Farm wurden sie laut Augenzeug_innen von Polizisten und Mitgliedern der Drogenbande Los Zetas entführt. Danach hat man sie nicht wieder gesehen. Die Suchanzeige konnte erst am Folgetag erstattet werden, weil sich bei der örtlichen Polizei niemand damit beschäftigen wollte und die Strafermittlungsbehörde geschlossen war.
Der Hinweis auf eine Beteiligung der Polizei führte zu nichts, denn der Vertreter der Strafermittlungsbehörde lehnte es grundsätzlich ab, eine Mitverantwortung von Staatsbediensteten beim Verschwindenlassen meines Bruders und meines Neffen zur Kenntnis zu nehmen.
Auch acht Jahre nach dem Verschwinden von Toño und Toñín bleibt es beim Ergebnis aller Nachforschungen: Straflosigkeit und Vortäuschung von Recht. Von Behördenseite hieß es, die Opfer wären ermordet und eingeäschert worden und dass die dafür Verantwortlichen ebenfalls umgebracht worden seien. Man könne nichts weiter tun, der Fall gelte als abgeschlossen.
Wir, die Familie, setzen den Kampf gegen das Verschwindenlassen von Toño und Toñín fort. Mit der anhaltenden Suche verbinden wir die Hoffnung, dass unsere vermissten Angehörigen eines Tages doch wieder auftauchen, dass wir sie wieder in den Arm nehmen und ihnen zuhören können und das gemeinsame Leben eine Fortsetzung erfahren möge".

Bericht von Jorge Verástegui González, Bruder und Onkel der Verschwundenen. Menschenrechtsverteidiger, Gründer der Suchorganisation FUUNDEC in Saltillo, Coahuila (E-Mail vom Januar 2017).

Bildnachweis: Plakate, mit denen die Angehörigen die beiden Verschwundenen suchen.

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Junge Frauen

Im Alter von 19 Jahren wurde Claudia Soto Castro am 16. März 2011 im Zentrum von Ciudad Juárez Opfer des Verschwindenlassens. Sie war auf dem Weg, sich in zwei Modeläden zu bewerben (Foto: Ina Riaskoff).

Es geschieht im ganzen Land

Seit Anfang der 1990er Jahre machen die Frauenmorde von Ciudad Juárez, die sog. „Femizide“, weltweit Schlagzeilen. Junge Arbeiterinnen wurden entführt, vergewaltigt und umgebracht.

Noch immer verschwinden in Ciudad Juárez Frauen und Mädchen. Mit selbstkopierten Suchanzeigen, die die Angehörigen an Betonsäulen und Hauswände kleben, suchen sie nach ihren verschwundenen Töchtern.

Doch nicht nur im Norden verschwinden Mädchen und Frauen. Es geschieht im ganzen Land.

Im Bundesstaat Mexiko verschwand im Jahr 2014 jeden Tag ein minderjähriges Mädchen. Die meisten von ihnen werden nie mehr nach Hause kommen.

Der amtierende mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto schritt während seiner Amtszeit als Gouverneur des Bundesstaates zwischen 2005 und 2011 nicht gegen die dramatisch zunehmende Zahl verschwundener und ermordeter Frauen ein.

Unter seiner Regierung gingen die Behörden hingegen mit aller Härte gegen soziale Bewegungen vor und behandelten Frauen dabei besonders brutal.

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Ein langwieriger Prozess

Während der Regierungszeit von Gouverneur César Duarte (2010-2016) hat sich die Zahl der in Ciudad Juárez verschwundenen Frauen und Mädchen verdreifacht. Die betroffenen Familien fordern Gerechtigkeit. Sie suchen ihre Töchter mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sie haben sich zu wahrhaften Detektiven entwickelt, die Tag für Tag allen erdenklichen Spuren nachgehen (Foto: Sanjuana Martínez).

Ende 2016 übergaben das nordamerikanische Menschenrechtszentrum „Robert F. Kennedy“ und die örtliche Frauenorganisation CEDIMAC die Fälle von sieben im Jahr 2011 in Ciudad Juárez verschwundenen Frauen an die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) in Washington.

Der Vorwurf der Nichtregierungsorganisationen lautet, die mexikanischen Behörden hätten im Fall der Frauen und Mädchen, die zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zwischen 16 und 26 Jahre alt waren, nicht hinreichend ermittelt, obgleich Zeug_innenaussagen über Tatverantwortliche vorlagen.

Behörden untersuchten die Fälle nicht, beziehungsweise Gerichte trafen keine Entscheidung.

Die nationale Strafgerichtsbarkeit galt als ausgeschöpft. Die Mitglieder der CIDH entscheiden darüber, ob der mexikanische Staat abgemahnt oder ob die Fälle an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in San José, Costa Rica zur Urteilsfindung überwiesen werden.

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Armando Humberto del Bosque Villarreal

Armando Humberto del Bosque Villarreal verschwand am 3. August 2013. Zwei Monate später wurde er in der Nähe der Ortschaft Colombia im Bundesstaat Nuevo León tot aufgefunden (Foto: Sanjuana Martínez).

Armando Humberto del Bosque Villarreal wurde 33 Jahre alt. Am 3. August 2013 war er auf einer Autofahrt durch die Stadt von Marinesoldaten angehalten worden. Sie zerrten ihn aus seinem Auto und legten ihm Handschellen an. Anschließend brachten sie ihn mit einem Militärfahrzeug fort.

Sein Vater, zwei Angehörige der örtlichen Polizei und mehrere Passant_innen wurden Zeug_innen der Festnahme. Armando wurde in eine provisorische Einrichtung der Marine außerhalb der Stadt gebracht.

Dorthin ging sein Vater einige Minuten später. Er wurde von einem Korvettenkapitän darüber in Kenntnis gesetzt, dass sein Sohn festgenommen worden sei und nun verhört werde. Der Marineoffizier sicherte dem Vater zu, ihn über die Situation seines Sohnes auf dem Laufenden zu halten. Doch von dem Moment an erhielt er keine weiteren Informationen mehr.

Der Vater von Armando, Humberto del Bosque Gutiérrez, traf den Korvettenkapitän eine Stunde später noch einmal. Diesmal bestritt dieser, dass sein Sohn festgenommen worden sei und verweigerte jede weitere Auskunft.

Am 3. Oktober 2013 fanden Freizeitjäger den Leichnam von Armando etwa 20 Kilometer von der Marinebasis entfernt, wohin er im Anschluss an die Festnahme aller Wahrscheinlichkeit nach gebracht worden war. Er war mit einem Kopfschuss getötet worden.

An diesem Tag gab der Vater seinem Sohn ein Versprechen:

„Ich werde nicht ruhen, bis zu dem Zeitpunkt, dass uns Gerechtigkeit widerfahren wird.“

Im März 2016 wurden der Korvettenkapitän Raúl Enrique Sánchez Labrada und vier weitere Marinesoldaten verhaftet. Ihnen droht der Prozess wegen gewaltsamen Verschwindenlassens und Kollaboration mit dem berüchtigten Drogenkartell Los Zetas.



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Die 72 verschwundenen Migrant_innen aus Tamaulipas

Am 24. August 2010 wurden in der verlassenen Scheune einer Hazienda nahe der Stadt San Fernando (Bundesstaat Tamaulipas) die Leichen von 72 lateinamerikanischen Migrant_innen gefunden. Die Opfer stammten aus Brasilien, Ekuador, Honduras, Guatemala und El Salvador. Dieses Massaker stand im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg in Mexiko. Es heißt, dass das Kartell Los Zetas die entführten Migrant_innen tötete, nachdem sich diese geweigert hatten, als Drogenkuriere zu dienen. Nur einzelne überlebten das Verbrechen und denunzierten den Vorfall.

In der Folge wurden in Tamaulipas weitere Massengräber entdeckt.

Im März 2011 gründeten Franziskanermönche in Tenosique im südlichen Bundesstaat Tabasco eine Herberge für Migrant_innen und nannten sie „La 72“: www.la72.org

Foto: Marcela Turati

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Bertila Parada de Osorio

Bertila Parada de Osorio, die Mutter des aus El Salvador stammenden Migranten Carlos Alberto Parada, hat jahrelang vor mexikanischen Gerichten um die Herausgabe der Beweise für die Identität ihres Sohnes gekämpft. Seine Leiche war in einem Massengrab in Tamaulipas gefunden worden.

Der letzte Aufenthaltsort von Carlos war Monterrey am 26. März 2011. Fast zwei Jahre danach war Bertila informiert worden, dass die sterblichen Überreste ihres Sohnes bei San Fernando gefunden und identifiziert wurden.

Es ging Bertila darum, Klarheit zu erhalten, dass es sich bei den gefundenen Überresten wirklich um ihren Sohn handelte.

Nach einem jahrelangen Kampf erreichte sie im März 2016 vor dem Obersten Mexikanischen Gerichtshof, dass sie als direktes Opfer anerkannt wurde und somit das Recht hat, Zugang zu den Informationen über die Umstände des Todes ihres Sohnes und den Fundort seiner Leiche zu erhalten.

Bildunterschrift: Bertila Parada de Osorio vor dem Obersten Gerichtshof im März 2016 (© Mexico News Daily).

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Karawane von Müttern aus Zentralamerika

Gewalt, Diskriminierung und Chancenlosigkeit bewegen jährlich tausende Zentralamerikaner_innen dazu, ihre Heimatländer zu verlassen. Für kriminelle Banden, die auf mexikanischem Gebiet operieren, sind die Flüchtlinge zu leichten Opfern geworden. Sie werden erpresst, zum Drogenschmuggel gezwungen oder im Menschenhandel verkauft. Wer nicht zahlen kann, verschwindet – gefolgt von einer Tatenlosigkeit der mexikanischen Behörden. NGOs gehen davon aus, dass im Laufe der letzten zehn Jahre um die 70.000 Migrant_innen in Mexiko verschwunden sind.

Seit 2004 finden sich jährlich zahlreiche Mütter aus Honduras, Guatemala, El Salvador und Nicaragua zusammen, um als Caravana de Madres Centroamericanas ihre in Mexiko verschwundenen Kinder ausfindig zu machen. Ins Leben gerufen wurde die Karawane vom Movimiento Migrante Mesoamericano (M3).

So brachen die zentralamerikanischen Mütter auch 2016 wieder auf, um von der mexikanischen Südgrenze ausgehend die Migrationsrouten ihrer Verwandten abzusuchen. In einem Zeitraum von zweieinhalb Wochen legten die Mütter 3.717 km zurück, gaben Pressekonferenzen und besuchten Migrant_innenherbergen sowie Gefängnisse.

Bereits 269 Verschwundene konnten die Karawanen in den letzten zwölf Jahren ausfindig machen. Neben der Suche nach Hinweisen dient die Karawane auch dazu, ein Ende der repressiven Migrationspolitik in Mexiko und den USA zu fordern. Die vielleicht deutlichste Botschaft vermitteln die Mütter jedoch schon allein durch ihre Anwesenheit. Denn die lässt die Abwesenheit tausender zentralamerikanischer Migrant_innen in den Straßen Mexikos plötzlich sichtbar werden.

© CREDIT COFAMIPRO & Women Across Frontiers

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Héctor Rangel Ortiz

Héctor Rangel Ortiz, ein Jungunternehmer aus der Stadt Querétaro im zentralen Hochland von Mexiko, und zwei seiner Kollegen verschwanden am 10. November 2009 in Monclova, einer Stadt im nordmexikanischen Bundesstaat Coahuila. Héctor befand sich auf einer Geschäftsreise. Er rief von einem Hotel aus zu Hause an und schilderte seiner Familie, dass die örtliche Polizei seine Kollegen angehalten und ihren Wagen sichergestellt habe. Er werde jetzt zur Polizeiwache gehen, um Näheres herauszufinden. Nach diesem Anruf hat niemand mehr etwas von den drei Männern gehört.

Vieles spricht dafür, dass Héctor und seine Kollegen in die Hände einer Verbrecherbande vielen, die mit der Polizei kooperierten. Von einer Lösegeldforderung war die Rede. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft von Coahuila waren mindestens vier Polizisten an der Entführung und Verschleppung beteiligt. Sie wurden zu mehrjährigen Haftstraften verurteilt.

Die Familie von Héctor hat in den zurückliegenden Jahren nicht aufgehört, nach den vielen Verschwundenen im Bundesstaat zu suchen.

Seine Schwester Brenda und ihr Mann, Víctor Manuel García Herrera, gründeten in Querétaro die lokale Organisation Desaparecidos Justicia. Seither wurden beide mehrfach von lokalen Polizeibeamt_innen eingeschüchtert und bedroht. Von einem der Verurteilten erhielten sie Morddrohungen. Mexikanische Bundesbehörden garantierten der Familie im Jahr 2013 polizeilichen Schutz. Dieser wurde jedoch ohne Vorwarnung oder angemessene Erklärung am 6. Juli 2016 wieder eingestellt. Kurz zuvor war Brenda Rangel Ortiz aus Kanada zurückgekehrt, wo sie sich mit Amnesty International gegen das Verschwindenlassen von Personen in Mexiko eingesetzt hatte.

Am 22. September 2016 drangen drei bewaffnete Männer in das Haus der Familie Rangel ein und verprügelten Víctor Manuel García Herrera. Während sie ihn schlugen und traten, drohten sie ihm: „Wir werden dich entführen, du verdammter Anwalt. Ihr Leute wisst nicht einmal, dass Ihr ganz tief in der Scheiße steckt!“ (AI-Eilaktion 304/13 vom 29. September 2016).

© Amnesty International Canada

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Fernanda Rubí Salcedo Jiménez

Als Araceli Salcedo Jiménez in der Nacht vom 27. September 2012 einen Anruf von ihrer Tochter erhielt, wusste sie nicht, dass es der letzte sein würde. Sie gehe in einen Nachtclub, bleibe aber nicht lange, erklärte die damals 21-Jährige ihrer Mutter und beendete das Gespräch: „Hab dich lieb.“ Es war 22:30 Uhr. Rund 15 Minuten später wurde ihre Tochter Fernanda Rubí von vier Unbekannten aus einem Nachtclub in Orizaba im Bundesstaat Veracruz verschleppt. Mit einem gelben Seat Ibiza waren sie vorgefahren. Die junge Frau rief um Hilfe. Aber kein Angestellter, kein Gast schritt ein. Zurück blieb ihre Handtasche.

Araceli Salcedo Jiménez sucht noch immer nach ihrer Tochter.

Sie hat einen Spießrutenlauf durch die Institutionen hinter sich, von der Gemeindebehörde bis zu höchsten Regierungsstellen, vom Geheimdienst bis zur Marine. „Doch passiert ist nichts“, sagt sie resigniert. Stattdessen muss sie sich mit Gerüchten auseinandersetzen, Rubí habe sich mit einem Drogenboss eingelassen.

Araceli greift den Gouverneur Javier Duarte öffentlich an und beschuldigt ihn, mit dem Organisierten Verbrechen unter einer Decke zu stecken und eine Mitschuld am Verschwinden ihrer Tochter zu tragen. Im Oktober 2016 (kurz vor dem Ende seiner Amtszeit) dankt Duarte ab und taucht unter. Ihm werden Korruption und Geldwäsche vorgeworfen. Im April 2017 wird er in Guatemala verhaftet.

Bild: Transparent mit Suchbild für Fernanda Rubí Salcedo Jiménez während einer Demonstration.

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Opfer eines Zufalls: fünf verschwundene Jugendliche in Veracruz

Am 11. Januar 2016 verschwanden fünf Jugendliche auf dem Rückweg eines Wochenendausfluges. Nach einem Monat fand man die sterblichen Überreste von Bernardo Benítez Arroniz und José Alfredo González Díaz in einem Massengrab im Süden des Bundesstaates Veracruz. Nur zwei Monate später wurde die Suche nach den weiteren Vermissten erfolglos eingestellt.

Bild: Suchanzeige vom Februar 2016

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Wieder aufgetaucht

Am 7. Mai 2016 befand sich der 18-jährige Maximiliano Gordillo Martínez gemeinsam mit einem Freund auf einer 20-stündigen Busfahrt von seiner Heimatgemeinde Socoltenango im Süden des Bundesstaates Chiapas nach Playa del Carmen im Bundesstaat Quintana Roo. Dort wollten sich die beiden nach Arbeit umsehen.

Gegen 22 Uhr gerieten sie auf halber Strecke in eine dritte Kontrolle. Agenten der staatlichen Migrationsbehörde und die lokale Polizei forderten sieben Reisende – darunter Maximiliano – auf, den Bus zu verlassen. Ihnen wurde vorgeworfen, keine ordentlichen Papiere bei sich zu haben. Während andere Mitfahrer_innen wieder einstiegen, wurde Maximiliano nach Aussage seines Freundes an der Weiterfahrt gehindert. Später kursierte das Gerücht, die Kontrolleure hätten ihn für einen Migranten aus Guatemala gehalten und abgeschoben.

Über Wochen und Monate blieb Maximiliano verschwunden. Vertreter_innen von drei Menschenrechtszentren riefen die Behörden über Rundfunk und Fernsehen wiederholt vergeblich dazu auf, über den Verbleib von Maximiliano Auskunft zu erteilen. Seine Eltern flehten die staatlichen Stellen in einer auf YouTube verbreiteten Videobotschaft an, ihren Sohn lebend zurückzubringen.

Vier Monate vergingen, bis das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas in San Cristóbal Anfang September 2016 überraschend bekannt gab, Maximiliano sei auf einer Baustelle auf der Halbinsel Yucatán erkannt und wieder nach Hause gebracht worden.

Die Vertreter der Migrationsbehörde, die Maximiliano entführt hatten, sind namentlich bekannt, aber bis heute unbehelligt geblieben. Viele Fragen bleiben offen.

Die Familie hat darum gebeten, den Fall ruhen zu lassen.

Bild: Suchbild zum gewaltsamen Verschwinden von Maximiliano Gordillo Martínez.

Miradas Ausentes / Blicke ins Leere

Diese Portrait-Fotos entstanden im Herbst 2015 anlässlich einer nationalen Zusammenkunft der Vereinigungen von Familienangehörigen von Verschwundenen in Mexiko. Sie trafen sich, um gemeinsam über die Richtlinien eines neuen Gesetzes zu beraten, das sich dem gewaltsamen Verschwindenlassen von Personen widmen soll.

Die größte Sorge der Angehörigen ist, dass dieses Gesetz nicht nur auf dem Papier stehen soll. Eine weitere Besorgnis liegt für sie darin, dass der Begriff „Abwesenheit“ klar umrissen und u.a. die Frage von Entschädigungen geklärt wird.

Der Kampf um das neue Gesetz löste eine mehrjährige parlamentarische Debatte aus. Am 12. Oktober 2017 wurde das Gesetz vom Kongress verabschiedet. Seine Umsetzung ist derzeit noch unklar.

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Lucía Vaca, Chihuahua

Von links oben nach rechts unten:

Janahuy Paredes, Morelia

"Ich will, dass sich so ein Verbrechen niemals wiederholt. Ich will, dass sie uns sagen, wo die Verschwundenen sind, dass der Staat seine Mitverantwortung anerkennt und dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden".

Sie sucht ihren Vater seit zehn Jahren.


María Elena Salazar, Coahuila

"Wir sind hier, um Wahrheit und Gerechtigkeit zu fordern, damit jeder Einzelne gefunden wird. Dies ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit an tausenden und abertausenden Familien. Mein Sohn, wo auch immer du bist, du sollst wissen, dass deine Familie dich liebt und dass wir auf dich warten. Und dass deine Träume bald in Erfüllung gehen".

Ihr Sohn verschwand in Torreón, Coahuila am 20. Juli 2009.


Flor de María Centeno Díaz, Chiapas

"Ich bin viel herumgelaufen, überall hin, aber niemand hat mir geholfen. Meine Tochter hat ihre Kinder zurücklassen müssen. Ich habe um Gerechtigkeit und Unterstützung für meine Enkelkinder gekämpft, aber ich habe keinen Erfolg gehabt".

Sie sucht ihre Tochter seit sieben Jahren.


Marisela Orozco Montalvo, Veracruz

"Jetzt ist es uns passiert. Sie haben unser Leben zerstört. Ich will nicht, dass sie auch noch das Leben anderer Leute ruinieren. Genug ist genug. Unser Leben ist verloren".

Sie sucht ihren Sohn seit 2012.


Mario, Guerrero

„Niemand sollte durchmachen, was wir durchgemacht haben“,

sagte Mario, derzeit Lehramtsstudent im 1. Semester an der Pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa.


Nora Tello, Morelia

"Mein Mann wurde entführt und ist bis heute verschwunden. Die Behörden scheinen blind, taub und stumm zu sein. Ich will Gerechtigkeit. Ich verlange Gerechtigkeit".

Ihr Ehemann verschwand 2011; seither sucht sie ihn rastlos.


Araceli Salcedo, Veracruz

"Wir haben die Hoffnung, dass dieses Gesetz respektiert wird, für jedes unserer verschwundenen Kinder in Veracruz und im ganzen Land".

Sie sucht ihre Tochter seit fünf Jahren.


Irma Leticia Hidalgo, Monterrey, Nuevo León

"Ich habe viele Hindernisse überwinden müssen. Die Liebe, nicht die Angst treibt mich an weiter zu machen".

Sie sucht ihren Sohn seit sechs Jahren.


Lucía Vaca, Chihuahua

"Wir sind schon so viele! Wir bilden eine Familie des Schmerzes. Ich wünsche mir, dass wir die Kraft haben, um unsere Kinder weiter zu suchen, weiter nach der Wahrheit zu suchen und Gerechtigkeit zu erfahren".

Ihr Sohn verschwand im Jahr 2011.

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Die Suche

Angesichts der verbreiteten Untätigkeit der Behörden haben sich im Laufe der Jahre Expert_innen, Angehörige und Aktivist_innen zur Suche der Verschwundenen zusammen-geschlossen. Expert_innen unterstützen die Suche der Angehörigen mit ihrem Fachwissen. So hilft beispielsweise das Mexikanische Anthropologische Forensikerteam (EMAF) bei der Identifizierung der menschlichen Funde. Andere Vereinigungen wie die Gruppe für soziale Anthropologie und Forensik (GIASF) bilden Familienkollektive in der Suche aus. Durch wichtige Suchergebnisse machten die Kollektive Los Otros Desaparecidos de Iguala (Guerrero) und El Colectivo Solecito (Veracruz) auf sich aufmerksam. Allein der Verband Movimiento por Nuestros Desaparecidos en México vereinigt 40 Angehörigenorganisationen.

Brigada Nacional de Búsqueda de Desaparecidos

Im April 2016 bildete sich die Erste Nationale Suchbrigade Verschwundener Personen. Bereits nach zwei Wochen hatte diese 15 geheime Grabstellen gefunden und die Beweisstücke an die Staatsanwaltschaft übergeben. In der Öffentlichkeit wurde mehrfach versucht, ihre Arbeit zu diskreditieren. Auch im Zuge zwei weiterer Suchen im Juli 2016 und Januar 2017 fand das Kollektiv geheime Gräber in Veracruz und Sinaloa. Mit dieser Arbeit zeigen die Angehörigen, dass es nicht an fehlender Technologie, unzureichendem Fachwissen oder Geldmangel liegt, wenn die Verschwundenen nicht gefunden werden – sondern an der Verweigerung innerhalb des Staatsapparats.

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Colectivo Solecito

Im Bundesstaat Veracruz, einer der gefährlichsten Regionen Mexikos, gelten nach Auskunft der Generalstaatsanwaltschaft über 2.400 Menschen als verschwunden. NGOs gehen jedoch von einer bis zu fünfmal höheren Dunkelziffer aus. Auf einen anonymen Hinweis hin machten sich im August 2016 90 Mütter und Ehefrauen des Colectivo Solecito auf die Suche nach einem geheimen Massengrab nahe der Stadt Veracruz. In über hundert beieinander liegenden Grabstellen fanden sie seitdem 263 Körperteile, überwiegend junger Menschen. Viele der Körper weisen brutale Folterspuren auf.

Neun Monate nach Suchbeginn werden weiterhin menschliche Überreste geborgen. Von den gefundenen Leichen wurden bislang lediglich zwei identifiziert. Für die Identifizierung einer Person mittels Gentest sind um die 1.200 Euro erforderlich. Die Regierung des ehemalige Gouverneurs Javier Duarte veruntreute im Laufe seiner Amtszeit (2010-16) öffentliche Gelder in Milliardenhöhe. Doch nicht nur die geplünderten Kassen des Bundesstaates, sondern vor allem auch der Mangel an politischem Willen blockieren den Aufklärungs- und Identifizierungsprozess.

Bild: Flyer der Suchorganisation Colectivo Solecito.

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„Lebend hat man sie uns genommen! Und lebend wollen wir sie zurück!“

Abel Barrera Hernández

ist Leiter des Menschenrechtszentrums Tlachinollan in Tlapa, Guerrero und Träger des deutschen Menschenrechtspreises von Amnesty International 2011. Er kennt die Angehörigen von Verschwundenen und engagiert sich für sie. Er weiß, was es bedeutet, wenn plötzlich ein Mensch verschwindet.

„Das gewaltsame Verschwindenlassen ist ein anhaltendes Verbrechen. 'Nichts über den Verbleib unserer Kinder zu wissen, ist wie ein niemals nachlassender Schmerz. Ein Schmerz, der die Familie zerstört. Unser Körper und unsere Gedanken entgleiten uns. Wir sind nicht mehr wir selbst, weil ein Stück unseres Herzens fehlt.'
Aus psychologischer Sicht führt das Verschwinden in einen Zustand permanenter Verunsicherung und Leid, der einer Art Folter gleichkommt. Im Leben der Eltern löst er einen brutalen Schock aus, der sich auf die Familien und die Gemeinden überträgt.
'Wenn ich nach Hause komme, fragen mich meine kleinen Kinder: Papa, hast du unseren Bruder gefunden? Wohin haben sie ihn verschleppt? Und die Wahr-heit ist: Ich weiß es nicht. In mir dreht sich alles, und ihre Worte treffen meine Seele wie Faustschläge.
Womit soll ich sie ermuntern? Wie soll ich ihnen erklären, was uns zugestoßen ist? Ich bin verzweifelt und fühle mich schlecht, denn ich sehe, dass auch meine Kinder leiden. Es ist wie ein langsames Sterben, weil wir die Wahrheit nicht kennen.'
Nichts über den Verbleib unserer Kinder zu wissen, ist wie ein niemals nachlassender Schmerz.
Das ist es, weshalb die Suche nach den Verschwundenen in Mexiko zum Epizentrum des Kampfes der Leute geworden ist, die in Massen und voller Hoffnung auf die Straßen gehen.
Denn: Lebend hat man sie uns genommen! Und lebend wollen wir sie zurück!“

Foto: © Amnesty International, Christian Ditsch

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Miriam Rodríguez Martínez

Am Abend des 10. Mai 2017 wurde Miriam Elizabeth Rodríguez Martínez vor ihrem Haus in San Fernando (Bundesstaat Tamaulipas) erschossen. Ihre Tochter Karen Alejandra war im Jahr 2012 entführt worden und verschwunden. Man fand ihre sterblichen Überreste zwei Jahre später in einem Massengrab nahe der Stadt. An der Suche war Miriam Rodríguez selber beteiligt gewesen.

Obgleich es ihr gelang, die Entführer und Mörder ihrer Tochter ausfindig zu machen, sie vor Gericht zu bringen und zu erwirken, dass die Täter ins Gefängnis wanderten, ließ sie nicht locker und blieb eine leidenschaftliche Aktivistin im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. So wurde sie zur Initiatorin eines Netzwerkes von Familienangehörigen, das nach den Zigtausenden von verschwundenen Mexikaner_innen sucht, die Opfer der Organisierten Kriminalität und der in den staatlichen Organen herrschenden Korruption geworden sind.

Einer der verurteilten Täter floh aus dem Gefängnis. Ob er ihr Mörder ist, bleibt derzeit ungewiss.

„Für diejenigen, die den Mut haben, ihr Leben der Suche nach Verschwundenen zu widmen, ist Mexiko zu einem sehr gefährlichen Pflaster geworden. Der Mord an Miriam Rodríguez muss aufgeklärt werden, und zwar von unabhängiger Seite, unparteiisch und gründlich. Es müssen ernsthafte Anstrengungen unternommen werden, Menschen, die ihre Liebsten suchen, zu schützen und zu verteidigen. Der Alptraum, dem sie ausgesetzt sind, weil sie das Schicksal und den Aufenthaltsort ihrer Angehörigen nicht kennen, weil sie die Gefahrenlage bei ihrer Suche nicht abschätzen können, die sie angesichts der Nachlässigkeiten der Behörden anstellen, ist alarmierend.“

Erika Guevara, Amnesty International, Direktorin für die Amerikas

Rechts im Bild: Míriam Rodríguez Martínez, Gründerin des Colectivo Desaparecidos de Tamaulipas. 2014 hatte sie die sterblichen Überreste ihrer Tochter in einem Massengrab gefunden (© La Jornada).

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CONSUELO PRADo

Sie sucht ihren Ehemann Mario Lozano Arévalo, der am 1. April 2011 in Ciudad Cuauhtémoc (Bundesstaat Chihuahua) verschwand (Foto: Amnesty International / Ricardo Ramírez Arriola).

Abwesenheit
Ich muss das weitläufige Leben stützen,
das noch immer dein Spiegel ist;
jeden Morgen werde ich es rekonstruieren müssen.
Seit du gegangen bist,
sind so viele Orte leer geworden
und ohne Sinn, vergleichbar
Lichtern im Tag.
Abende, die deinem Bild Nische waren,
Musik, in der du mich immer erwartet hast,
Worte aus jener Zeit,
eigenhändig werde ich sie zerbrechen müssen.
In welcher Schlucht verberge ich meine Seele,
dass sie deine Abwesenheit nicht sehe,
die wie schreckliche Sonne ohne Abend
endgültig und unbarmherzig strahlt?
Deine Abwesenheit umringt mich
wie die Schlinge die Kehle,
das Meer den Versinkenden.

Jorge Luis Borges (Original: Ausencia, Übersetzung: Gisbert Haefs)


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JOURNALIST_INNEN

Berichterstatter_innen zählen in Mexiko zu einer besonders gefährdeten Personengruppe. Das Internationale Institut für strategische Studien in London (IISS) bezeichnet Mexiko nach der Kriegsregion Syrien als das gefährlichste Gebiet der Welt*. Die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ führt Mexiko nach Syrien und Afghanistan an dritter Stelle auf. Unter Berufung auf Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung) engagiert sich die Organisation für gefährdete bzw. inhaftierte Journalist_innen. Gewalttaten gegen sie werden in Mexiko fast nie aufgeklärt.

*http://www.iiss.org/en/iiss%20voices/blogsections/iiss-voices-2017-adeb/may-8636/mexico-murder-rate-9f41 [Stand: 14.06.2017]

Hauptsächlich wird über Morde berichtet. Seit dem Jahr 2000 waren es über 100. Das Verschwindenlassen von Journalist_innen wird seltener erwähnt. Article 19 beziffert ihre Zahl für den Zeitraum 2003 bis 2017 auf 24. Die meisten Fälle haben die Bundesstaaten Tamaulipas, Veracruz und Michoacán zu verzeichnen. Jüngstes Opfer war der Fernsehjounalist Salvador Adame Pardo. Er wurde am 18. Mai 2017 in der Ortschaft Nueva Italia (Michoacán) entführt und galt als verschwunden. Ende Juni 2017 fand man seine verkohlte Leiche in einer Schlucht.

Kritische Journalisten stören mit ihren Recherchen. Die Drogenkartelle wollen ihre Millionengeschäfte im Stillen führen. Und einige Polizisten, Beamte, Politiker wollen mit verdienen, sich die Taschen mit Geld vollstopfen, sagt der Karikaturist Rafael Pineda.

„Die Polizei ist korrupt. Sie ist nicht daran interessiert zu ermitteln, denn sonst würde ja herauskommen, dass sie mitschuldig sind, dass sie mit dem Organisierten Verbrechen verbunden sind. Darum hat die Regierung nicht das geringste Interesse daran, dass die Wahrheit herauskommt. Weil die Regierung mit der Mafia unter einer Decke steckt.“

ARD-Mittagsmagazin vom 9. Mai 2017

Bildnachweis: © Desinformémonos, 26 April 2017.

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Blick in die Welt: Türkei

Die Samstagsmütter bei ihrem Protest.

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Blick in die Welt: Argentinien

Seit 40 Jahren demonstrieren die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo jeden Donnerstag für die Aufklärung des Verschwindens ihrer Kinder und Enkelkinder während der Militärdiktatur (1976-83).

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Blick in die Welt: Nigeria

Demonstrant_innen beschuldigen die Regierung, nicht genug für die Freilassung der von der islamistischen Miliz Boko Haram entführten Mädchen zu tun.

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Blick in die Welt: Tschetschenien

Regimekritiker, Journalist_innen und Homosexuelle sind Hauptzielgruppe von Verfolgungen und Verschleppungen. Die Angehörigen bleiben häufig ohne Hinweise auf ihr Schicksal und den Aufenthaltsort zurück.

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Blick in die Welt: Syrien

Die Ehefrau eines verschwundenen Syrers hält ein Familienfoto in den Händen. Seit 2011 hat die syrische Regierung mindestens 58.000 Zivilpersonen verschleppt und verschwinden lassen.

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Blick in die Welt: Philipinen

Internetkampagne zum Thema Verschwindenlassen in den Philippinen.

Huellas de la Memoria

Die Ausstellung "Huellas de la memoria" wurde im Juli 2017 zusammen mit dieser Ausstellung in der Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg in Berlin gezeigt.

Mexiko- und Zentralamerika-Koordinationsgruppe

www.casa-amnesty.de

Mehr Informationen zum Thema Gewaltsames Verschwindenlassen unter:

www.gewaltsames-verschwindenlassen.de

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Footnote: Es ist uns nicht gelungen, alle Bildrechte abschließend zu klären. Im Falle einer möglichen Verletzung von Urheberrechten, wenden Sie sich bitte an uns: mail@casa-amnesty.de
México, Mexiko